04. Oktober

Was ist ein lebenswertes Leben?

Altbirklehoferin und Philosophin PD Dr. Barbara Schmitz sprach bei „Birklehof im Gespäch“ zu einem bewegenden Thema.

„Wenn man an den Birklehof zurückkehrt, fühlt man sich groß und klein zugleich.“ So beschrieb die Altschülerin PD Dr. Barbara Schmitz spontan ihr Gefühl, als sie zusammen mit dem Schulleiter Rüdiger Hoff und Salome (Kursstufe Q1) und Kajetan (Kursstufe Q1) die vierte Veranstaltung unserer digitalen Reihe „Birklehof im Gespräch“ am 4. Oktober 2023 eröffnete. Es ging um die Frage, was ein lebenswertes Leben ausmacht. Eine Frage, die für viele ethische Kontexte, aber auch für Barbara Schmitz persönlich eine hohe Relevanz hat und die sie in ihrem gleichnamigen Buch (Reclam Verlag, März 2022) vielschichtig reflektiert hat.

Am Birklehof die Lebensfreude entdeckt  

Als Barbara Schmitz im Jahr 1986 zum Birklehof kam, verließ sie ein schwieriges familiäres Umfeld: Ihr Vater hatte sich kurz zuvor das Leben genommen, sie war vom Leben verschreckt. In der Geborgenheit des Birklehofs habe sie viele Antworten gefunden, ihre Faszination für Philosophie entdeckt und vor allem gesehen, wie lebenswert das Leben sein kann. Nach dem Abitur im Jahr 1988 studierte Barbara Schmitz Philosophie, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft in Tübingen, Freiburg im Breisgau und Tromsø/Norwegen. In den Jahren 2001 bis 2008 war sie als Assistentin am Lehrstuhl für Praktische Philosophie an der Universität Basel tätig, anschließend arbeitete sie bis 2011 dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin im Forschungsprojekt «Menschliches Leben». Seit ihrer Habilitation im Jahr 2010 zum Thema „Bedürfnisse und Gerechtigkeit“ ist Barbara Schmitz als Privatdozentin und Lehrbeauftragte, als Lehrerin an einem Basler Gymnasium und als freie Autorin und Referentin tätig.

Eine subjektive  Entscheidung 

Als Einstieg in die Fragestellung erläuterte Barbara Schmitz den zugeschalteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, warum sich in der gegenwärtigen Philosophie keine Debatte über die Frage „Was ist ein lebenswertes Leben“ findet. Der Grund hierfür sei die Geschichte, die mit dem Begriff des “lebensunwerten Lebens“ verbunden ist und noch heute die Vorstellung eines falschen Mitleids prägt. Doch was ist der richtige Zugang zu dieser komplexen Frage? Barbara Schmitz hat drei mögliche Zugänge analysiert und empfiehlt den sogenannten subjektiven Zugang, bei dem jeder selbst entscheidet, ob und was sein Leben lebenswert macht. So berichtete sie von zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen, aus denen hervorging, dass beispielsweise Menschen mit Behinderung den Wert und die Qualität ihres Lebens viel höher einschätzen als gesunde Menschen. Das würden ihr auch ihre 19-jährige Tochter, die mit einer Behinderung zur Welt kam, sowie ihr dreibeiniger Hund täglich vorleben.

Die eigene Verletzbarkeit akzeptieren 

Doch auch wenn es eine subjektive Frage ist, ob man sein Leben als lebenswert ansieht, sei es eine gesellschaftliche Aufgabe, würdige Bedingungen für solche Menschen zu schaffen. Barbara Schmitz fordert die Menschen auf, nicht immer den Autonomie-Gedanken in den Fokus zu stellen, sondern zu lernen, mit eigener Verletzlichkeit umzugehen und auf die Hilfe anderer zu vertrauen. Daher sollten wir den heute weit verbreiteten Begriff der Resilienz nicht als eine Art Superpower oder eine besondere Fähigkeit betrachten, sondern es stets mit der Verletzbarkeit zusammen verstehen. Denn es sei vor allem die Resonanz, das miteinander Schwingen und nicht allein die Resilienz, die ein Leben lebenswert machen könne.

Rege und vielschichtige Diskussion 

„Philosophie lebt von Fragen“, schloss Barbara Schmitz ihren mitreisenden Vortrag ab, und forderte alle zu einer regen Diskussion auf. Die Fragen waren sehr vielschichtig: Es ging um die Rolle des Humors und um die Möglichkeiten, die aktuell eher negative Einstellung in der Gesellschaft zu der Frage nach dem lebenswerten Leben zu ändern. Es ging auch um das ethisch hochkomplexe Thema der Sterbehilfe und um die Einschätzung, welcher Grad an Autonomie für ein lebenswertes Leben erforderlich ist bzw. inwieweit man die Freiheit eines Menschen für ein lebenswertes Leben einschränken darf.

Zum Abschluss der Veranstaltung erzählte Barbara Schmitz von einem weiteren schwerwiegenden Erlebnis aus ihrem Leben – dem Suizid ihrer Schwester – und wie sie zusammen mit ihrer damals siebenjährigen Tochter damit umging. „Du und ich wollen leben!“, beschlossen die beiden und fanden unzählige große wie kleine Gründe dafür, warum dies so ist.

Freude am Nachdenken geweckt 

Aus den Chat-Beiträgen wie auch aus den vielen Rückmeldungen wurde klar, dass Barbara Schmitz nicht nur bei allen Beteiligten die Freude an Nachdenken über die Frage „Was ist ein lebenswertes Leben“ geweckt, sondern auch den positiven Zugang zu dieser Frage vermittelt hat. So war es nicht verwunderlich, dass eine Teilnehmerin allen eine lebenswerte Zeit zum Abschied wünschte.

Text: Nino Virubova
Foto: Elisabeth Ilg
Video Stills: Wolfgang Finke

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